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Gott, das Koks, die Elefanten und Maradona

Von Oliver Kraaz

Maradona klebte an der Säule. Sein Blick war starr. Aber es war Maradona. Gut, es hatte schon seinen Grund, dass das Gipsgemälde nicht im Louvre oder im «Museum of Modern Art» zu bestaunen war, sondern in der Pizzeria «A Livella Pizzeria Napoletana» (logisch) in San Lorenzo al Mare. Ich sitze am Tisch, das Essen kommt. Parallel ein Piepen: Der Tor-Alarm. 1:0 für Kriens gegen Wil.

Während ich die Calzone verde in Stücke schnitt und unsern Hund parallel unter dem Tisch beruhigte, drifteten meine Gedanken in eine Doku über Maradona von Asif Kapadia ab. Über seine Zeit bei Napoli. Die 90 Minuten im Kino waren eine Qual. Sie zeigten, wie Maradona als Fussballer in Neapel im vergammelten Stadion als Spieler vorgestellt wurde, Gott und drogensüchtig wurde und wie ihm seine limitierten Gegenspieler Sonntag für Sonntag die Knochen zu Sägemehl panierten.

Nach den Spielen: Essen, Wein, Partys, tanzen auf dem Tisch, Koks von der Mafia, neue weibliche Bekanntschaften, noch einmal Koks. Wenn es draussen hell wurde, torkelte Maradona heim, keine Bodyguards, die Fans und die Presse warteten vor seiner Wohnung, um das Wrack zu sehen.

Die brutalste Szene: Die wöchentliche «Therapie» beim Klubarzt: Maradona auf einer Liege. Grosse Punkte auf dem Rücken markieren die Einstichstellen für Spritzen. Sechs Spritzen mit undefinierbaren Flüssigkeiten beissen sich in Maradonas Körper und entleeren sich. So gross, um alle Elefanten des Zirkus Knie einzuschläfern.

Maradona liegt, entspannt sich. 24 Stunden später ist er auf dem Laufband im Schwitzanzug zu sehen. Presst sich die Drogen und den Alkohol aus dem geschundenen Körper. Mittwoch leichtes Training, leichter Ausgang. Erst Ende Woche volles Training. Am Sonntag ist Maradona wieder auf dem Platz. Chef, Gott und König. Marschiert, flankt, schiesst, wird gefoult, schreit vor Schmerzen. Trifft, jubelt. Abpfiff. Ausgang, Feier, Koks… Therapie.

Bis zu dieser Doku war Maradona für mich «nur» ein genialer Fussballer. Seit dieser Doku berührt mich sein Schicksal. Er hatte keine Chance. Aus der Armut, als 17-jähriger, der mit seinem ersten Vertrag seine ganze Familie ernährte. Hoch zum Olymp, runter im Fahrstuhl in die Hölle. Aufgedunsen an der WM in Russland in der VIP-Loge. Ein tragischer Würfel.

Ich stehe auf, gehe nur als Vorwand aufs WC, um an Maradonas Bild vorbeizukommen. Ich bleibe kurz stehen und fühle den Drang, der Figur auf die Gips-Schulter zu klopfen.

Am Platz piepst es. 1:1 in Kriens, Wil hat ausgeglichen. Und dann passiert es: Von Napoli aufs Kleinfeld wandern meine Gedanken weiter. Das hat etwas Beruhigendes. Der Fussball ist so unendlich schön, unendlich traurig bisweilen. Aktuell, während der ManCity-Farce, der Dauer-Infantino-Krise, bin ich froh, dass ich «meinen Fussball» in und mit Kriens habe. Ticker an für Yverdon-Sport gegen Kriens (Sonntag, 16.30 Uhr).

Gott, das Koks, die Elefanten und Maradona
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