Die Weichen im Fussball neu stellen

Von Bruno Berner Ob Sturm, Dürre, Kunstrasen oder Asphalt, wir Trainer und Spieler wollen immer kicken. Die angekündigten Spiele ohne Zuschauer können uns auch Hoffnung geben. Ob Geisterspiele nun der richtige oder der falsche Weg sind, kann jeder selber entscheiden.

Denn das Zugpferd Fussball (gefolgt vom Eishockey), mit dem grössten und stärksten nationalen Sportverband der Schweiz, könnte die Weichen für diverse Erneuerungen stellen, von denen auch andere Sportarten profitieren dürften. Auch unser «Champion der Ewigkeit» Roger Federer scheute die Idee nicht, die beiden Verbände WTA und ATP verschmelzen zu wollen.

Die Champions League wird massiv überschätzt und überbewertet.

Die Aufstockung auf eine grössere, nationale Fussballliga wurde verworfen. Aus sportlicher Sicht hätten wir genügend Fussballer und Trainer, um 12 Mannschaften in der Super League zu stellen. Doch wirtschaftliche Aspekte wie TV-Gelder lassen keine 12 professionellen Spitzenclubs zu. Stimmt nicht.

Hier müssen wir umdenken:

Eigener Nachwuchs
Wir loben uns für unsere ganz tolle Nachwuchsarbeit, doch könnten wir viel mehr für unseren Nachwuchs machen. Unsere jungen Fussballer brauchen mehr Einsatzzeit und mehr Chancen, die wir mit mehr Geduld, weniger teuren Spielern, die spielen müssen, Kontingenten und finanziellen Anreizen gewährleisten könnten.

Jedoch hat unser Nachwuchs schlicht eine zu geringe Plattform, um sich in der entscheidenden Durchbruchsphase für eine mögliche Karriere zu zeigen. Wir investieren («das Geld») auch für unsere Verhältnisse enorme Zeit und Summen in den Juniorenfussball, doch der Ertrag («das Geld») ist gering.

Ja ja, die Besten setzen sich immer durch. Wirklich?

Die an Teenager und deren Eltern gegebenen Versprechen auf goldene Fussball-Karrieren werden kaum eingelöst. Meistens geschieht dies um das zarte Alter von 17 bis 21 Jahren.

Als Trainer mit Erfahrung im Nachwuchsbereich weiss ich, dass der eine oder andere Spieler nichts Weiteres als eine Saison mehr Zeit gebraucht hätte. Doch der Zug reist halt dann oft weiter und aus ist der Traum, das Ziel, die Karriere. Ja ja, die Besten setzen sich immer durch. Wirklich?

Die verzweifelte Gier einiger Fussballclubs nach dem Geld im europäischen Fussball zwingt die offene, neugierige Haltung und Sichtweise Jahr für Jahr in die Knie und erdrückt schlussendlich die Unbekümmertheit unseres Nachwuchses in ihren und dementsprechend in unseren menschlichen Werten. Ich persönlich spiele Fussball, weil ich es ein geniales Spiel finde und ich ganz grosse Freude daran habe.

Europäischer Fussball
Die Champions League wird massiv überschätzt und überbewertet. Warum dieses bedingungslose Streben danach? Ach ja, Geld, Ruhm und Ehre, etc. Gewiss, teilweise sehen wir zauberhaften Fussball und spektakuläre Spiele mit unglaublichen Fähigkeiten der Spieler und Trainer.

Wir wollen uns mit den Besten messen, klar, aber nicht um jeden Preis.

Im Verhältnis zu dem aufgeblähten Zirkus sehen wir solche Spiele viel zu wenig und die Konsummüdigkeit nach Fussball schreitet voran. Die Punktewertung der UEFA für die Qualifikations- und Teilnahmeberechtigungen in den europäischen Wettbewerben darf nicht mehr die Hauptreferenz für unseren Fussball sein.

Wir wollen uns mit den Besten messen, klar, aber nicht um jeden Preis. Selbstverständlich habe auch ich grosse Freude an erfolgreichen, internationalen Auftritten unseres Clubfussballs. Doch was wir monetär in den nächsten Jahren sparen und zurückzahlen müssen, können wir nun endlich wieder mehr in die Menschen investieren.

Jetzt ist der Zeitpunkt als Fussballnation zusammenzurücken und unsere nationale Meisterschaft stärker zu machen. Schaffen wir dies, wird unser Junioren-, Breiten- und Frauenfussball ebenfalls stärker. Dies ist der Fussball in der Schweiz als Integrationsfaktor für unsere Buben und Mädchen und nicht jener aus Europa.

Sommersaison für den Spitzenfussball
Dass wir im Jahr 2020 mit Zuschauern in den Fussballstadien spielen werden, ist eher unwahrscheinlich. Heisst, wir fangen die neue Saison 2020/21 nicht an, bevor wir wieder vor und mit Zuschauer spielen können.

Sollten wir bis Oktober 2020 nicht mit der neuen Saison beginnen (vor Zuschauern), wäre dies ein Steilpass mit Torschussgarantie und Torerfolg für die Sommermeisterschaft 2021.

Die Saison würde von ca. Anfang März bis Ende November dauern. Die skandinavischen Länder und Russland spielen ihre nationalen Meisterschaften ebenfalls in dieser Zeitspanne.

Vorteile:
• Nur eine Vorbereitungsphase. Ich kenne keinen einzigen Spieler, der dagegen opponieren würde.
• Mehr Spiele unter den Wochen während den besten Fussballmonaten.
• Wenn unser Eishockey auf dem Höhepunkt ist, nämlich in den Play-Offs (Ende Februar, März), fängt die Fussballsaison an. Im Mai, alle zwei Jahre im Juni (da EM oder WM), im Juli und im August wären an herrlichen Sommerabenden Spiele möglich.
• Mehr Zuschauer als im Dezember, Januar, Februar. Heisst: Die Stadien werden im Frühling 2021 voll sein.
• Eine grössere Chance unsere Zuschauer noch mehr ins Spiel zu integrieren.
• Unsere Fans können den Fussball voll geniessen und müssen nicht während zwei Dritteln der Spiele in der Kälte schlottern.
• Festivals, Volksfeste etc. finden im Sommer statt, somit dürfte auch der Fussball monetär mehr umsetzen und die Wirtschaftlichkeit der Clubs ankurbeln.
• In der Schweiz wenige, europäisch ausgerichtete Clubs wären im Sommer mitten in der Saison. Demnach wären sie besser eingespielt und haben einen höheren Rhythmus, was die Erfolgschancen erhöhen.
• Die höhere Verletzungsanfälligkeit der Spieler in den Wintermonaten reduziert sich.

Ich war ein leidenschaftlicher Fussballer und bin nun ein begeisterter Berufstrainer. Ich bleibe und werde noch für einige Zeit mit viel Elan und Freude Fussball-Trainer sein. Seit über 25 Jahren bin ich im Spitzenfussball tätig und weiss, dass es ohne Breite keine Spitze gibt. Unser Junioren-, Breiten- und Frauenfussball (-sport) muss überleben, das ist unsere Zukunft.

 

Auszug aus Bruno Berners neustem Blog «Offenheit und Neugier für den Schweizer Fussball». Den ganzen Beitrag gibts zum Nachzulesen auf seiner Webseite.

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