Der Betriebsunfall des bezahlten Fussballs

Von Oliver Kraaz Es war die Fussball-Sensation dieser Tage. Die Fans lagen sich in den Armen, einige hatten Tränen in den Augen. Eine Saison lang wurde gezittert, gebangt – und jetzt gejubelt: Das Wunder war am letzten Spieltag einer langen Saison Tatsache. Herz hatte sich gegen Geld durchgesetzt. Eine Oase des Fussballs mit Herz hatte sich gegen das Fussall-Establishment mit dem fetten Portemonnaie durchgesetzt. Die Medien voll davon:

Union Berlin ist aufgestiegen in die 1. Bundesliga.

Hallo? Das Verrückte daran: das gleich grosse oder noch grössere Wunder ereignete sich bereits ein paar Tage vorher. Und zwar in der Schweiz, in der Challenge League: Der SC Kriens schaffte den Ligaerhalt.

Ist nicht das Gleiche? Stimmt. Die Schlagzeilen waren da. Aber kleiner, dabei ist das Wunder fast noch grösser, krasser.

Union ist ein Underdog, hat aber professionelle Strukturen. Der SC Kriens mitnichten. Wir sind als Amateurverein unter den 20 besten Profiteams der Schweiz. Ohne Investor, ohne Mäzen. Ein Verein. So, wie es Turnvereine, Modellbauer-Verein oder Trachtengruppen gibt.

Wir verdienen Geld mit Würsten, Bier, Nussgipfel, einigen Fan-Artikeln und moderaten Eintrittspreisen für alle. Der Rest sind Mitgliederbeiträge und Beiträge privater Gönner. Scheich ist keiner. Punkt. Wir kennen jeden Unterstützer und jeden seiner Franken.

Und die Konkurrenz? Lausanne, Servette, Vaduz, Aarau, Schaffhausen – da wird mit mehreren Millionen hantiert. Ist nicht allen gut bekommen. Nächstes Jahr kommt GC mit (offiziellen) 18 Millionen mehr – vielleicht sind im Portemonnaie als Kleingeld noch ein paar mehr. Wer weiss das schon. Und der SC Kriens mittendrin,

Aber wie lange?

Diese Frage wird sich schon nächstes Jahr stellen. Wir sind gekommen um zu bleiben. Aber es wird schwierig. Die Challenge League lässt sich mit der hausbackenen ehemaligen NLB nicht vergleichen. Vergleiche mit den gemütlichen Jahren in dieser Brockenhaus-Liga, das geht nicht. Selbst die NLA der 90er-Jahre (in der Kriens auch zweimal spielte) wirkt im Vergleich mit dem Turbogeld-Fussball von heute wie ein Grümpelturnier mit guten Frisuren.

Nächstes Jahr werden wir wieder mit einem kleinen, aber gesunden Budget an den Start gehen. Sportlich sind wir von Tag 1 an der logische Absteiger. Das zweite Jahr ist immer härter als das Aufstiegsjahr. Rapperswil lässt grüssen.

Der SC Kriens wird nie die gleichen Schlagzeilen wie Union erringen. Aber er verdient die Herzen der Region, vielleicht der Schweiz. Weil er mit Herz in der Fussball-Landschaft steht. Eine Landschaft, die immer öder und kälter wird.

Wir freuen uns, dass es uns gibt.

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