Wenn die WM laut klopft

Eckball

Gedanken zu unserem Fussball von Oliver Kraaz

Die WM steht vor der Haustür. Wie immer, wenn jemand vor der Haustüre steht, stellt sich die berechtigte Frage: Soll man ihn hereinlassen?

Bei der Fussball-WM ist die Frage Wunschdenken. Die schiere Wucht des Events lässt sich mit einer Gruppe von 1000 Menschen vergleichen, die an der Haustüre klingelt und beim Öffnen den Fuss in den Türspalt hält. 1000 Füsse in der Türe, wer bringt da die Türe noch zu?

Sie merken es: Beim Gedanken an die Fussball-WM möchte ich die Türe zuknallen. Die Fussball-WM nervt mich in gleichem Masse wie die «Zeugen Jehovas» oder polnische Callcenter am Telefon, die «gunstige Grangenkaaase» verkaufen wollen.

Die Fussball-WM ist  eine unschöne Veranstaltung. Sie tritt den Fussball und seine Idee mit den Füssen. Da kann Gianni Infantino von Freundschaft, Frieden und Eierkuchen schwadronieren, wie er will. 400 Millionen Franken Preisgeld schüttet die FIFA für dieses Turnier aus. Ein Bruchteil davon würde reichen, um in einigen der teilnehmenden Ländern Spitäler zu reparieren und Leben zu retten. Es wird in Stadien gespielt, die von nordkoreanischen Sklaven gebaut wurden, die rund im die Uhr die Baustellen nicht verlassen durften und deren Salär direkt in die Kasse des nordkoreanischen Regimes floss.

Ich bezweifle, ob Infantino nur einen Tag auf dieser Baustelle ausgehalten hätte.

Jogi Löw, sonst ein Schlaumeier, der immer etwas Schönes zu sagen hat, meinte auf die Umstände angesprochen nur, er könne sich da nicht zu viele Gedanken machen, er müssen von Spiel zu denken. Klar, jeder kann eben nur so weit denken, wie es ihm möglich ist.

… dumm nur, dass man der WM bei allem Ärger nicht entfliehen kann. Und wenn meine Tochter voll Begeisterung die Panini sammelt, mich nach Spielern und Mannschaften fragt, dann schwelge ich selber plötzlich in eigenen WM-Erinnerungen: Grosse Spiele, die ich nicht vergesse. Gemeinsame Momente mit Menschen, mit denen man Tore bejubelt hat wie noch nie. Abende, die dank dem Fussball verzaubert wurden.

So bleibe ich ratlos zurück und werde irgendwann doch in den Sog der WM gezogen werden. So, wie man plötzlich das berühmte Bier zu viel drinkt und alles und alle super findet. Bis der Kater einem am andern Tag mit aller Wucht einholt.

Und dass ist das Gute an der FIFA: Dass mit ihr der Kater immer garantiert ist. Dafür ist die FIFA zu verdorben und zu korrupt. Es wird bald wieder eine Episode mit Putzfrauen-Rechnungen in Millionen-Höhe oder toten Arbeitern auf den Baustellen der Fussball-WM 2022 in Quatar geben. Und Infantino wird versprechen, dass die FIFA für den Klimaschutz nur noch Teslas und keine konventionellen Edelkarrossen mehr als Geschenke annehmen wird.

Und wieder werden wir denken: Wie kann man den Fussball vor dieser FIFA retten?

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