Auf dem Platz mit Neymar und Cristiano Ronaldo

Raffael Zeder kennt die grosse Fussballwelt. Der Krienser stand mit Neymar, Cristiano Ronaldo und Buffon auf dem Fussballplatz und ist als Schiedsrichter-Assistent fast jedes Wochenende in der Super League- sowie regelmässig bei internationalen Partien im Einsatz. Vor über 14 Jahren debütierte Raffael Zeder als Schiedsrichter-Assistent in der höchsten Schweizer Spielklasse. An diesem Wochenende assistiert der 38-jährige seine 300 Partie in der Super League – YB gegen Xamax.

Hier gibts den persönlichen Höhepunkte-Rückblick von Raffael Zeder auf 14 Schiedsrichter-Jahre und fast 300 Super-League-Partien.

(Bilder: Zvg)

Wichtigstes Spiel
«​Ich hatte einige wichtige Spiele in meiner Karriere, sowohl national als auch international. Die beiden wichtigsten Spiele waren aber wahrscheinlich die beiden Cupfinals, die ich in meiner Karriere leiten durfte. Einerseits den ägyptischen Cupfinal im Herbst 2011 in Kairo vor über 80’000 Zuschauern, anderseits den schweizerischen Cupfinal 2015 zwischen Basel und Sion.»

Mühsamste Spielanreise
«Die Schweizer Schiedsrichter werden seit Jahren regelmässig zu wichtigen Meisterschaftsspielen in Saudiarabien eingeladen. Eines dieser Spiele fand in der Hauptstadt Riad statt. Geplant war, dass wir am Vortag des Spiels nach Riad und unmittelbar nach dem Spiel wieder zurück fliegen. Auf dem Hinflug durften wir aber mangels gültigem Visum nicht in den Anschlussflug nach Riad steigen. Wir nahmen telefonisch Kontakt mit dem Verantwortlichen auf und planten bereits unseren Rückflug nach Zürich. Kurz vor 16 Uhr bekamen wir einen Telefonanruf aus Riad, wonach uns neue Flugtickets gebucht worden seien. Wir flogen dann abends von Frankfurt nach London und von dort über Nacht nach Riad, wo wir am morgen des Spieltags landeten. Wir gingen ins Hotel, schliefen den ganzen Tag, gingen abends ans Spiel und unmittelbar danach, kaum zwölf Stunden nach der Landung, direkt wieder an den Flughafen für den Rückflug in die Schweiz.»

Buffon sang die Nationalhymne so innbrünstig, wie niemand sonst.

Bequemste Schiedsrichtergarderobe
​Die bequemste, weil grösste Schiedsrichtergarderobe habe ich im Şükrü Saracoğlu Stadion von Fenerbace Istanbul erlebt. Wir waren dort vor einigen Jahren für ein Gruppenspiel in der Europa League und zum ersten Mal mit sechs Personen, also inklusive zwei Torrichtern, unterwegs. Trotzdem hatte jeder von uns einen eigenen kleinen Raum zur Verfügung in der Garderobe, die die Grösse einer geräumigen Wohnung hatte.»

Beste Stadionatmosphäre
«​Eine der besten Atmosphären in einem Stadion habe ich in Tunesien erlebt. Wir wurden für die Leitung des Stadtderbys in Tunis zwischen dem Club Africain und Espérence de Tunis aufgeboten. Das Stadion war mit 60’000 Zuschauern ausverkauft, je die Hälfte der Zuschauer waren Fans der jeweiligen Mannschaft. Die Atmosphäre war einzigartig. Nach den Toren mussten wir jeweils sogar kurz das Kommunikationssystem aus den Ohren nehmen, andernfalls hätten wir aufgrund des enormen Lärmes einen bleibenden Ohrenschaden erlitten.»

Wir konnten erst spätnachts mit Polizeischutz das Stadion verlassen.

Eindrucksvollster Feldspieler
«​Ich hatte das Glück einige absolute Weltklassespieler live erleben zu dürfen. Neymar habe ich in einem Länderspiel von Brasilien erlebt, als er noch bei Santos in Brasilien unter Vertrag stand. Gicci Buffon stand bei mehreren Länderspielen von Italien unmittelbar neben mir und sang die Nationalhymne so innbrünstig, wie niemand sonst. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch Cristiano Ronaldo, den ich ebenfalls bei mehreren Länderspielen live erleben durfte. Zum ersten Mal bei einem Spiel in Faro gegen Finnland. Nach dem Münzwurf als Captain der portugiesischen Nationalmannschaft nahm er nach dem Shake-Hand die Münze vom Boden auf überreichte sie dem damaligen Schiedsrichter Carlo Bertolini – eine Geste des Respekts, die im heutigen Profifussball als eher aussergewöhnlich bezeichnet werden muss.»

Bleibendste Schiedsrichter-Entscheidung
«​Das dürfte wohl die Entscheidung am Frühling 2011 im vorentscheidenden Meisterschaftsspiel zwischen Bellinzona und St. Gallen gewesen sein, als es um den direkten Abstieg von der Super League in die Challengue League ging. Der Schiedsrichter pfiff einen klaren Penalty zugunsten von Bellinzona nicht, im direkten Gegenzug fiel er auf eine Schwalbe des damaligen St.Gallen-Stürmers Reggazoni rein und pfiff fälschlicherweise einen Penalty für St. Gallen. Nach dem Spiel kam es zu Tätlichkeiten und Sachbeschädigungen von Bellinzona-Spielern und Offiziellen gegen uns und wir konnten erst spätnachts mit Polizeischutz das Stadion verlassen.»

Schönstes Tor
«​Ich habe in meinen bisherigen Spielen einige schöne Tore gesehen, die Tätigkeit als Schiedsrichter bringt es jedoch mit, dass einem Tore, Spielzüge und ähnliches in aller Regel weniger gut in Erinnerung bleiben als andere Vorkommnisse. Ich erinnere mich jedoch, dass ich ganz zu Beginn meiner Karriere als Schiedsrichter beinahe einmal selber ein Tor erzielt hätte – und dann noch mit der Hand. Bei einem meiner ersten Einsätze am Pilatuscup auf dem Kleinfeld war ich im vollen Sprint Richtung Tor unterwegs, als der Torhüter einen Ball mit dem Fuss klären wollte. Dies gelang ihm zwar, er schoss mir den Ball jedoch direkt an die Hand. Ich war darob dermassen überrascht, und zudem völlig falsch platziert auf dem Spielfeld, dass ich dem Schuss nicht mehr ausweichen konnte. Der Ball prallte von meiner Hand dann präzise in die linke untere Torecke. Nur noch mit einer riesen Parade gelang es dem Torhüter, diesen Ball Gott sei Dank mit letztem Aufwand noch in Corner zu lenken. Sonst wäre es ein Eigentor gewesen.»

Den müsst ihr mir in der zweiten Halbzeit gar nicht mehr bringen.

Nettester Trainer
«​Ich ziehe den Joker und erzähle stattdessen einer der lustigsten Episoden, die ich mit einem Trainer erlebt habe. Im Rahmen eines Meisterschaftsspiels zwischen St. Gallen und GC im alten Espenmoos-Stadion führte GC mit dem damaligen Trainer Hanspeter Latour zur Halbzeit deutlich. Als wir das Spielfeld für die Pause verliessen wartete Latour im Kabinengang auf mich und den anderen Assistenten. Er kam auf uns zu, schüttelte zur Begrüssung die Hand und erklärte uns beiden, er würde uns ja nun schon eine gewisse Zeit lang kennen und wir hätten es ja auch sehr gut miteinander. Der vierte Offizielle (im Einsatz stand ein etwas übermotivierter junger Tessiner Schiedsrichter, dem keine sehr lange Karriere im Profifussball vergönnt war) ginge aber gar nicht, «den müsst ihr mir in der zweiten Halbzeit gar nicht mehr bringen», meinte Latour. Er ignorierte den Vierten Offiziellen in der zweiten Halbzeit konsequent und wandte sich nur noch an meinen Assistentenkollegen, der die ganze Arbeit anstelle des vierten Offiziellen erledigen musste.»

Grösster Wunsch 
«Der grösste Wunsche eines jeden Sportlers ist sicherlich derjenige nach einer guten Gesundheit und damit verbunden auch von schlimmeren Verletzungen möglichst verschont zu bleiben. Die gilt auch für uns Schiedsrichter. Auch der unerwartete Tod unseres Schiedsrichterkommissionspräsidenten Markus Hug vor einigen Tagen hat uns wieder einmal vor Augen geführt, dass es alles andere als selbstverständlich ist, jeden Tag gesund aufzustehen und den anstehenden Tag geniessen zu dürfen.»

 

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