Wenn der Fussball aufhört

Fussball war mit das Wichtigste im Leben von Till Fischer. Seit dem Sommer 2015 ist er gezwungen ohne ihn auszukommen. Till lernte die Vorzüge eines fussballfreien Lebens zu schätzen. Mittlerweile möchte er diese Freiheiten nicht mehr missen.

Von Jan Fischer (SCK-Magazin 2017)

Eines vorweg. Ich bin der ältere Bruder von Till. Von klein auf haben wir unzählige gemeinsame Stunden auf dem Fussballplatz verbracht. Zwischendurch spielten wir sogar in derselben Mannschaft. Das letzte Mal in der Rückrunde der Saison 2009/10 in der 2. Liga interregional beim FC Kickers. Von da an trennten sich unsere Wege auf dem Fussballplatz. Während Till sich in höheren Ligen durchsetzte, spielte ich in tieferen Gefilden. Neidlos muss ich heute anerkennen, dass er mit mehr Gefühl in den Füssen geboren wurde. Seine fussballerischen Fähigkeiten übersteigen die Meinen. Dass er auf dem Platz erfolgreicher war als ich, störte mich allerdings zu keinem Zeitpunkt. Vielmehr war ich stolz auf meinen «kleinen» Bruder.

Ein folgenschwerer Unfall
Till blieb in seiner Karriere mehrheitlich von Verletzungen verschont. Bis zu diesem verhängnisvollen Training im Kleinfeld während der Vorbereitung auf die Saison 2015/16, just nach dem Aufstieg in die Promotion League. In seiner ersten Einheit nach den Ferien in Kroatien geschah es. Nach einem intensiven Kraftteil stand zum Abschluss ein Spiel auf dem Programm.

Leben ohne Ball ist langweilig und fast wertlos

Ohne gegnerische Einwirkung verdrehte sich Till das rechte Knie. Ziemlich schnell war klar, dass es sich um eine schlimmere Verletzung handelt. Diagnose: Kreuzband gerissen, Meniskusschaden und das Innenband angerissen. Sechs Wochen nach dem Unfall wurde der Meniskus am rechten Knie operiert, am Kreuzband wurde nichts gemacht.

Kreuzband war weg
Bei einer MRI-Untersuchung einige Monate später stellte sich heraus, dass im linken Knie, das schon länger durch eine anhaltende Entzündung der Patellasehne Schwierigkeiten bereitete, ein Kreuzband fehlte. Ob die Entzündung durch das fehlende Kreuzband ausgelöst wurde, kann bis heute nicht abschliessend beurteilt werden.

tillFakt ist, dass Till während mehreren Jahren mit einem gerissenen oder eben fehlenden Kreuzband im linken Knie Fussball gespielt hat. Wann das Kreuzband riss, weiss er nicht. Es könnte mit einem Snowboardunfall in Kinderjahren zusammenhängen. Konrad Birrer, einer der behandelnden Ärzte, meinte damals, dass er es auch schon erlebt habe, dass jemand unbemerkt mit gerissenem Kreuzband aktiv Sport treibe, es aber doch sehr selten vorkomme.

Stürmische Gefühlslage
Die Zeit nach der Verletzung und den umfassenden medizinischen Behandlungen war für Till wie ein «Wellenbad der Gefühle». An einem Tag dominierte das Gefühl, dass es gut komme und er schon bald wieder auf dem Fussballplatz stehen könne. An anderen Tagen hatte er sehr wenig Hoffnung. Vom SC Kriens wurde aber nie Druck aufgesetzt, ihn möglichst bald wieder einsetzen zu können. Auch Till selber gab, beziehungsweise gibt sich immer noch die nötige Zeit um wieder vollständig gesund und fit zu werden.

Eine voreilige Rückkehr auf den Platz macht da wenig Sinn. Auch nach zwei Jahren Pause nicht. Primär geht es darum, sich schmerzfrei bewegen zu können. Der erste Gedanke nach der Verletzung war, dass er wieder gesund werden möchte. Die Rückkehr auf den Platz spielte dabei eine sekundäre Rolle. Die Gesundheit hat Vorrang. Arnold Eggerschwiler, Teamarzt beim SC Kriens, sieht mehrere Gründe für den langen Rehabilitationsprozess. Einerseits erschwerte der Fakt, dass beide Knies Probleme bereiteten die Heilung. Auf der anderen Seite meint «Noldi», dass die Motivation meines Bruders für eine schnellstmögliche Heilung nicht immer vorhanden gewesen war.

Die Verletzung kam zu einem Zeitpunkt, an dem es für Till mit dem SC Kriens sehr gut lief. Er hatte einen Stammplatz als Innenverteidiger und stieg im Juni 2015 mit der ersten Mannschaft auf. Mit seinen Toren, vorwiegend mit dem Kopf, steuerte er einen entscheidenden Anteil zum Erfolg bei. Wer aber denkt, der Unfall hätte meinen Bruder aus der Bahn geworfen, irrt sich.

Geschätzte Freiheiten
Der Fussball war lange Zeit zentraler Bestandteil im Leben von Till. Fünf bis sechs Einheiten pro Woche gehörten dazu. «Lange hatte ich das Gefühl, dass ich ohne den Fussball nicht kann und das Leben ohne Ball langweilig und fast wertlos ist», sagt er. Die Verletzung und die Zwangspause führten dazu, dass andere Aktivitäten und Hobbys die entstandene Lücke füllen mussten. Till erkannte die Vorzüge, die das Leben zu bieten hatte, ohne an den Wochenenden im Einsatz zu stehen.

Mit der Zeit distanzierte er sich aber immer mehr von der Mannschaft

Die Vorteile, spontan sein zu können, Einladungen anzunehmen oder in die Ferien verreisen zu können. Mittlerweile möchte er diese Dinge auch nicht mehr missen. Ihn hat die Wanderlust gepackt. Regelmässige Reisen in die Ferne lassen ihn neue Leute und Kulturen kennenlernen. Fernab von den Fussballplätzen der Schweiz lernt er die positiven Aspekte des «anderen» Lebens kennen und schätzen. Seiner Meinung nach ist er ausgeglichener geworden. Diese Ausgeglichenheit hilft ihm bei seiner Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern. Till ist Oberstufenlehrer im Schul- und Wohnzentrum Schachen und schliesst nebenbei sein Studium an der PH Luzern ab.

Zunehmende Abgrenzung
Der SC Kriens unterstützte Till in der Zeit nach der Verletzung. Er sei «sehr dankbar» dafür, wie ihn das Umfeld und die erste Mannschaft begleitet hätten. Sein damaliger Trainer Marinko Jurendic sprach regelmässig mit ihm, wünschte ihn sich sobald wie möglich auf den Platz zurück. Soweit kam es bis heute leider nicht. Das linke Knie, also das ohne Kreuzband, lässt Kontaktsport nicht zu, da «Stop-and-go-Bewegungen» noch immer Schmerzen verursachen. Wie lange der Heilungsverlauf dauern wird, kann auch Arnold Eggerschwiler nicht voraussagen.

In der Zeit nach dem Unfall hielt Till sich häufig in der Garderobe der ersten Mannschaft auf. Er kannte alle und pflegte ein gutes Verhältnis zu seinen Teamkollegen. Mit der Zeit distanzierte er sich aber immer mehr von der Mannschaft. Obwohl er die Spiele regelmässig besucht, hat die Beziehung zu den Teamkollegen nicht mehr dieselbe Nähe. Ein gutes Verhältnis zu den Spielern, Betreuern oder Fans ist Till Fischer aber weiterhin sehr wichtig. Das Kleinfeld ist zu einer zweiten Heimat geworden. Er fühlte sich dort sehr Wohl, erlebte viele emotionale Höhepunkte mit der ersten Mannschaft und lernte viele tolle Menschen kennen und schätzen.

Pétanque statt Fussball
Seine fussballerische Zukunft ist noch offen. In seiner momentanen Gefühlslage und körperlichen Verfassung kann er sich nicht vorstellen, bald wieder aktiv Fussball zu spielen. Primäres Ziel ist es, gesund zu sein und wieder schmerzfrei Sport treiben zu können. Ob am Wochenende drei Punkte eingefahren werden oder nicht, ist unwichtig. Seine Verletzung hat Till als Menschen weitergebracht und auch unsere Beziehung gestärkt. Durch die wiedergewonnenen Freiheiten können wir spontaner und vermehrt gemeinsamen Hobbys nachgehen, wie beispielsweise dem Pétanque. Und nicht immer heisst es: «Nein ich kann leider nicht, ich habe noch Training heute».