Von Kriens in die Welt

Eine Kolumne von Pedro Lenz über den ehemaligen SCK-Junior Fabio Coltorti. Der Text erschien am 22. November 2015 in der «Schweiz am Sonntag».

Manche Schweizer Fussballfans haben ihn schon fast vergessen. Dabei war er im Kader der Nationalmannschaft, die 2006 und der WM in Deutschland teilnahm. Ausserdem stand er in Kriens, Schaffhausen, Thun, GC, Santander und Lausanne zwischen den Pfosten. Und nun steht Fabio Coltorti, der in wenigen Tagen seinen 35. Geburtstag feiert, mit Red Bull Leipzig in der 2. Bundesliga punktgleich mit Leader Freiburg auf einem Aufstiegsplatz.

Vor zwei Jahren hatte ich an der Buchmesse Leipzig Gelegenheit, Coltorti kennenzulernen. An einer sportlich-literarischen Veranstaltung war es jemandem eingefallen, den Schweizer Goalie des heimischen RB Leipzig mit dem Verfasser von «Der Goalie bin ig» zusammenzubringen. «Wir werden ein Experiment machen und Coltorti aus deinem Buch vorlesen lassen», verriet mir der Veranstalter. Tatsächlich bat er den Torhüter gleich zu Beginn des Talks ein paar Seiten vorzulesen. Coltorti, der darauf nicht vorbereitet gewesen war, tat dies mit der gleichen Coolnes, mit der er seit Jahrzehnten im Tor steht. Es stellte sich heraus, dass Coltorti in Literaturfragen problemlos mit dem Buchmesse-Publikum mithalten konnte. An diesem Abend verriet er den Anwesenden ausserdem seinen grössten Traum: «Ich möchte mit Leipzig in die 1. Bundesliga aufsteigen und dort noch eine Saison spielen.»

Da Coltorti schon über dreissig war und sich gerade von einer schweren Knieverletzung erholte, schien dieser Plan ein bisschen gar verwegen. Aber inzwischen sieht es so aus, als könnte der Krienser sich den Traum von der 1. Bundesliga tatsächlich noch erfüllen.

Als er auf die Saison 2012/13 von Lausanne nach Leipzig wechselte, spielten die Sachsen noch in der Regionalliga Nordost. Am Ende der Saison stiegen sie in die 3. Liga auf und nur ein Jahr später standen sie bereits in der 2. Bundesliga. Coltorti war an beiden Aufstiegen massgeblich beteiligt und erkämpfte sich zweimal nach längeren Knieverletzungen seinen Stammplatz zurück.

Jetzt, das er in ein Alter kommt, in dem andere Spieler die Fussballschuhe längst gegen den Golfschläger getauscht haben, fehlt Coltorti nur noch eine halbe Saison um sein letztes Ziel zu erreichen. Es wäre ihm zu gönnen, wenn er zum Ende einer aufregenden Karriere noch gegen die Weltstars aus München oder Dortmund spielen könnte. Zweifellos würde sich der Mann, der am Fuss des Pilatus aufgewachsen ist, auch einem Robert Lewandowski furchtlos vor die Füsse werfen.

Bild: dfb.de