Valentins Reise vom Rhein an die Spree

Die Nationalmannschaft zum Sieg geschossen und nun auch in Dortmund mit einem Tor das Unentschieden gesichert. Der ehemalige SCK-Junior Valentin Stocker hat sich nach einer schwierigen Zeit zurückgekämpft in die Nati und in die erste Elf von Hertha BSC. Vor gut einem Jahr haben wir ihn in der deutschen Hauptstadt zum Gespräch getroffen.

«Die Mannschaft von Hertha BSC freut sich darüber, wenn Sie sie bei einer öffentlichen Trainingseinheit besuchen» steht auf der Homepage des Vereins. Und es stimmt. Als würden sie nichts lieber tun, lassen sich die Spieler nach dem Training geduldig auf die Fans ein, wechseln ein paar Worte und signieren Autogrammkarten, Bälle oder Ärmel und T-Shirts, die ihnen hingehalten werden. Valentin Stocker verlässt als einer der letzten den Platz. Über seiner Schulter baumelt ein grosses Netz mit Bällen und er wird, wie schon seine Teamkollegen, von Fans um Autogramme gebeten. Bereitwillig setzt Valentin einem Mann in Blau-Weiss seine Unterschrift auf den Rücken, erwidert das Strahlen einer jungen Frau und signiert sich mehr oder weniger den Weg in Richtung Kabine. Die Stollenschuhe klacken auf dem Asphalt. Der Mittelfeldspieler mit der Nummer 14 ist beliebt und wird mehrfach aufgehalten. Es dauert eine Weile bis er unbehelligt weitergehen und sich umziehen kann: In seinem ausgeleierten grauen T-Shirt und den Jeans sieht er nun aus wie Zigtausende andere junge Männer in dieser Riesenstadt.

Heimweh? «Mängisch scho»
Valentin Stocker, der als Bub und Jugendlicher in den Juniorenteams des SC Kriens gespielt hat, bis er sechzehn war, und danach bei FC Basel zum Nationalspieler reifte, stellt sich in Berlin einer neuen, grossen Herausforderung. «Es stimmt,» kommt es unvermittelt. «Und es ist noch schwierig zu erklären. Ich kann es nicht vergleichen mit irgend etwas, das vorher gewesen ist. Meine Zeit bei Basel war komplett anders», findet er. «Die Bundesliga, das ist ein offenes Geheimnis, ist eine der stärksten Fussball-Ligen der Welt.» Valentin sagt diesen Satz und ist selbst davon nicht im geringsten beeindruckt, wie es scheint. Die Dynamik macht die Bundesliga für Valentin offensichtlich spannend: «Man hat an keinem Wochenende ein Spiel, von dem man sagen kann, wenn alles normal läuft, gewinnt man. Das hat vielleicht Bayern München im Moment und wahrscheinlich auch Dortmund ein bisschen, aber für alle anderen ist es eigentlich ein offener Kampf um die Plätze von ganz hinten bis vorn», sagt er. «Und Hertha ist momentan in der Spitze mit dabei. Es ist sensationell, was wir im letzten halben Jahr geleistet haben. In der vergangenen Saison sind wir wegen einem Tor nicht ins Relegationsspiel gegangen, und dieses Jahr stehen wir momentan auf dem vierten Platz. Das zeigt, wie nur ganz wenige Prozente den Unterschied zwischen Abstieg und europäischen Plätzen ausmachen.»

«Um Berlin herum gibt es über 100 Seen, sie sind zwar nicht so gross wie der Vierwaldstättersee – aber trotzdem.»

Valentin schaut dem Gegenüber im Gespräch mit seinem offenen, herzlichen Lachen direkt in die Augen – wenn er den Blick nicht gerade wieder ins mitgebrachte Vereinsmagazin des SC Kriens senkt. Gibt es Heimweh? «Mängisch scho», kommt es verhalten aus ihm raus und er freut sich, dass er jetzt für einige Minuten schweizerdeutsch reden kann. Das geht im Verein nur noch mit Hertha-Kapitän Fabian Lustenberger. Die beiden kennen sich seit der Schulzeit. «Die Freundschaft ergibt sich so fast automatisch.» Kriens ist für Valentin der Ort, wo er eine «wunderschöne Kindheit erlebt und eine wunderbare und erfolgreiche Zeit mit dem SC Kriens gehabt hat», wie er sagt. Dort steht sein Elternhaus und obwohl er nur noch selten hinfährt, gibt es ihm ein Gefühl von Sicherheit, in der Innerschweiz einen Rückzugsort zu haben. «Wenn wirklich einmal alles zuviel ist.»

Aus dem Flugzeug ganz grün
Danach sieht es im Moment allerdings nicht aus, sondern es folgt eine kleine Liebeserklärung an seine neue Heimat: «Ich glaube, ich habe mir mit Berlin eine Stadt ausgesucht, die es mir schwer macht, Heimweh zu haben. Kulturell und was die Gastronomie betrifft. Es gibt so viele tolle Restaurants und vieles, was man hier gesehen haben muss. Jetzt nach einem Jahr kommen plötzlich neue Ideen, es gibt immer etwas zu entdecken.» Das ist das Hauptstadtphänomen: Wer es ein Jahr lang in Berlin ausgehalten hat, will im zweiten Jahr schon nicht mehr weg, weil er denkt, er verpasst etwas. Und anders als erwartet, treibe es ihn nicht an jedem freien Wochenende in die Schweiz. Mittlerweile sei er nur noch mit der Nationalmannschaft und in den Ferien dort. Ein bisschen erstaunt das beim Vergleich des hügeligen, kleinen Kriens mit der topfebenen Millionenstadt Berlin, wo gerade jetzt im Winter der Blick nicht an verschneiten Bergketten, sondern an grauen Häuserschluchten hängenbleibt. Aber auch diesen Einwand lässt Valentin nicht ganz gelten. «Wenn man Berlin anfliegt und aus dem Fenster schaut, hat man das Gefühl, dass die Stadt ganz grün ist. Es gibt viele Bäume, Naherholgungsgebiete und sehr viele Flüsse und Seen. Eigentlich unglaublich, um Berlin herum gibt es über 100 Seen, sie sind zwar nicht so gross wie der Vierwaldstättersee – aber trotzdem.»

Valentin kennt viele Kieze, wie die Berliner ihre Stadtteile nennen, und er würde, wenn er nicht als Fussballer für Hertha hier wäre, in Kreuzberg, Mitte oder Neukölln wohnen.

Man merkt, wie Valentin Stocker sich mit der Stadt auseinandergesetzt hat, die über die Jahre aus vielen kleinen Orten zu einer pulsierenden Metropole geworden ist und die sich schwertut eine Balance zwischen Verkommenheit und Glanz zu finden. Für Spaziergänge mit seinem Hund fährt Valentin gern zum Tempelhofer Feld, ein stillgelegter Flughafen im Süden Berlins. Das sei ja «naheliegend», findet er, obwohl man von seiner Wohnung im Westend dorthin rund 20 Minuten mit dem Auto unterwegs ist. Berliner Entfernungen eben. Valentin kennt viele Kieze, wie die Berliner ihre Stadtteile nennen, und er würde, wenn er nicht als Fussballer für Hertha hier wäre, in Kreuzberg, Mitte oder Neukölln wohnen, jedenfalls «mehr im Osten» und nicht im gepflegten Charlottenburg, von wo es nur wenige Minuten bis zum Verein und zum Stadion sind. Dieser Aspekt war ausschlaggebend. Und nach Kreuzberg und Mitte geht er ohnehin, weil man dort sehr gut essen kann. Auch wenn Valentin mit seiner Mannschaft möglicherweise nie so erfolgsverwöhnt sein wird wie Bayern München, kann man doch behaupten, dass die Spieler von Hertha BSC ihre Heimspiele in einer der aufregendsten Städte Europas austragen. Valentin Stocker geniesst das ganz offensichtlich.

Text und Bild: Sabine Müller (dieser Beitrag erschien im SCK-Magazin Dezember 2015)