Kolumne: Lawinen und wahre Liebe

Ob fünf vor zwölf oder fünf nach zwölf. Das ist Definitionssache. Ich persönlich finde, dass gewisse Entwicklungen im Fussballgeschäft besorgniserregend sind. Ich möchte gar nicht erst über die Weltmeisterschaft in Katar debattieren, die selbstverständlich nur aus völkerverbindenden Ideologien dorthin vergeben wurde. Eher über Ereignisse seit dem letzten Sommer. Viele Herzenstransfers und Lawinen voller Money, Money, Money.

Diverse zugegebenermassen fantastische Fussballer wechselten für 100 bis 200 Millionen Franken den Verein. Sie besserten so ihr Gehalt nicht etwa um zwei bis drei tausend-, sondern um zwei bis drei Millionen Franken auf. Pro Monat. Selbstverständlich. Natürlich sind diese vielen Vereinswechsel dann stets eine «Herzensangelegenheit». Wegen läppischer zwei bis drei Millionen Franken verlässt man ja auch nicht seine alte Liebe. Der Spieler freut sich dann jeweils bereits bei der Vertragsunterzeichnung diebisch darauf, beim ersten Torjubel sein neues Vereinslogo innig zu küssen. Für dumm verkauft wird niemand, denn die Trikot-Einnahmen spriessen wie nie zuvor.

Die Kommunikationsabteilungen der Vereine spielen natürlich mit. Sinnbildlich dafür sind die Pressemitteilungen der beteiligten Vereine beim Transfer von Sandro Wagner von Hoffenheim zu Bayern München. Hoffenheim zitiert Wagner mit: «Die Anfrage hat mich natürlich geehrt. Dennoch musste ich erst einmal nachdenken» (verständlich, wer verlässt schon seinen Herzensverein). Bayern München zitiert Wagner so: «Als das Angebot kam, musste ich nicht lange überlegen» (verständlich, wenn der Herzensverein ruft). Will uns jetzt jemand für dumm verkaufen? Ach was.

Mitte August 2017 trat einer der absoluten Publikumslieblinge von Borussia Dortmund – Dembélé – in den Streik. Was sind schon Verträge, wenn die wahre Liebe ruft (der Leitspruch von Dortmund lautet übrigens «BVB, Wahre Liebe». Ironie pur). Er tauchte kurzerhand ab und erzwang erfolgreich einen Wechsel zu seiner neuen (noch wahreren) Liebe, dem FC Barcelona. An der Pressekonferenz hat der junge Mann dann verkündet, dass er «auf diesen Moment gewartet habe, seit er acht Jahre alt war.» Und die knapp 20’000 Fans im Stadion jubelten ihm euphorisch zu.

Doch wie kam dieser Transfer eigentlich zu Stande? Der FC Barcelona hatte soeben Neymar für 220 Millionen nach Paris transferiert und musste handeln. Kurzerhand wurde Dembélé für kolportierte 100 Millionen (ohne Bonuszahlungen) vom BVB gekauft. Der BVB seinerzeit brauchte Ersatz und investierte 20 Millionen in Maximilian Philipp (wer?) vom SC Freiburg. Nun, der SC Freiburg reinvestierte vier Millionen in Ravet vom designierten Vize-Meister YB. Die Berner ersetzten Ravet durch Christian Fassnacht vom FC Thun für rund eine Million. Und auch der FC Thun brauchte Ersatz auf der Aussenbahn und verpflichtete Chris Kablan vom SC Kriens für 0.00 Millionen Franken. Der Rubel rollt. Aber bestimmt nicht bis an die Basis des Fussballs.

Wie lange kann das noch gut gehen? Wie lange kann der Fussball sich immer mehr in diesem elitären Kreis bewegen? Denn die letzte Champions- League Reform bevorteilt klar die vier grossen Ligen in England, Spanien, Deutschland und Italien. Selbst Basel wird es in Zukunft schwer haben, überhaupt noch in diese Phalanx einzudringen.

Eigentlich wundert es mich, dass das Interesse der Menschen am Fussball in dieser Form  nach wie vor so gross ist, dass sich diese Spirale nach wie vor dreht und dreht. Ich wundere mich auch, dass, obwohl Tendenzen dahingehend feststellbar sind, sich nicht schon viel mehr Menschen an Vereinen in den unteren Ligen erfreuen. Sich erfreuen an der, im Verhältnis, ehrlichen Kost. Oder würden wir SCK-Mittelfeldpuncher Marco Wiget glauben, wenn er nach seinem Transfer vom SCK in die Chinesische Super League (ablösefrei) sagt, er hätte bereits als Dreijähriger zuhause auf dem Bolzplatz in Brunnen im Trikot seines Herzensclub Guangzhou Evergrande (immerhin Serienmeister in China) gekickt? Eher nicht. Eben.

Autor: Oliver Meier, SCK-Finanzchef von 2013 bis 2016.

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