Kolumne: Schweigst im Morgenrot daher

1993 im Herbst. Ich hatte meine erste eigene Wohnung. In Reussbühl. Man muss nehmen, was man mit einem Budget von 600 Franken im Monat bekommt. Da ist es auch verkraftbar, dass man wegen der gegenüberliegenden Viscosuisse–Kaminen abends die Fenster luftdicht schliessen musste. Dass die Vermieterin bemängelte, ich komme abends oft zu spät heim – geschenkt. Aber ich erlebte in dieser Wohnung die erste Quali einer Schweizer Nati für eine WM. Nach gefühlten 100 Jahren ehrenvollen Unentschieden in Freundschaftsspielen. Ich habe die Zeitungsartikel aufbewahrt und am andern Morgen so viele Alka Selzer kippen müssen wie andere Haferflocken im Müesli. Es ging andern ebenso.

Die entscheidende Barrage gegen Nordirland letzten Herbst verfolgte ich im gemütlichen Klubhaus des FC Wiedikon. Der Fernseher lief, es gab Fleischkäse, es war voll und gemütlich. Draussen lief parallel die Vorrunde im Schweizer Regional-Cup. Die Nati stolperte durch den Morast Belfasts. Die Minuten vergingen. Die Flucherei wurde lauter. Am lautesten wurde es beim Penalty – aus Ärger auf den Schiedsrichter. Als einer jubelte, wurde er regelrecht zusammengesch

Auch ich merkte, dass ich das Länderspiel mit der gleichen Teilnahmslosigkeit verfolgte wie den Strassenaushub vor unserer Genossenschaftswohnung. Am fehlenden Alkohol kann es nicht gelegen haben. Oder nicht alleine. An was dann? Über die labile Liebe zur Schweizer Nati ist viel geschrieben worden. Was aber auffällt: Die Nati ist keine Mannschaft der Herzen. Das liegt zu einem grossen Teil daran, dass die Sponsoren eine Nati-Zuschauerschaft herangezüchtet haben, die nicht Fan ist. Sondern Konsument, Zuschauer. Die ins Stadion geht, das Matchprogramm faltet und sich fragt: Wann geht es mit der Stimmung los? Ist schon ein Animateur auf dem Spielfeld? Und wo ist mein Credit Suisse-Fähnchen mit dem Schweizer Kreuz?

Die Schweizer Nati, das ist keine schlechte Mannschaft. Aber sie ist in den heimischen Stadien eine Mannschaft ohne Fans. Was die Ränge füllt, sind die Siege. Das ist ein brüchiger Boden. Im Moment des Erfolges sind immer alle gerne dabei.

Zurück zur Barrage gegen Nordirland: Das Spiel war kein Knüller.  Als Nordirland-Fan war es sogar ziemlich übel, nicht nur wegen des Penaltys (der keiner war). Nein, Nordirland hatte keine Chance, was man aber in keiner Minute in Sachen Stimmung merkte. Affenkälte. Regen – aber die nordirische Seele pulsierte bis zum Schlusspfiff. Grünweiss, ohne Wenn und Aber. Wann war dies das letzte Mal bei einem Nati- Heimspiel der Fall? Einem Spiel, das notabene verloren ging?

Autor: Oliver Kraaz ist ein ehemaliger SCK-Junior. «Gesegnet mit der Technik von Andy Egli und dem Ehrgeiz von Hakan Yakin.» Er lebt mit seiner Familie in Zürich und ist seit 40 Jahren SCK-Fan.