Immer mit der Ruhe

Zum SC Kriens kam Fisnik Hasanaj als Jugendlicher. Mittlerweile hat er über 100 Spiele für die 1. Mannschaft absolviert. Damals wie heute prägt ihn eine grosse Portion Gelassenheit. Auf und neben dem Platz.

Bilder: Roger Keller

Das Stadion an der Linthstrasse liegt idyllisch, eingebettet in die sanfte Landschaft am oberen Ende des Zürichsees. In Tuggen ordnet sich der Fussball dem ländlichen Ortsbild unter. Die blaue Holztribüne wurde entlang des sich vom Stadion entfernenden Hügels hochgezogen. Charmant. Fussball zum Anfassen. In diesem Gegenentwurf zur kommerziellen Fussballwelt rannte der SC Kriens im letzten Frühling lange an. Schlug unzählige Flankenbälle in den gegnerischen Strafraum, stand mit 10 Feldspielern in des Gegners Hälfte und lief dennoch Gefahr, sich beim Tabellenletzten die Punkte klauen zu lassen.

Vom Goalgetter zum Abwehrpatron
In Tuggen, das wissen SCK-Fans, ist jederzeit alles möglich. Und dann passiert das, was immer mal wieder passiert, wenns für den SCK richtig wichtig und richtig eng wird. Fisnik Hasanaj stand an der richtigen Stelle. In Tuggen trifft er nach 60 Minuten zur Entscheidung. Emotional der Jubel, gross die Enttäuschung beim kämpfenden Heimteam Als gäbe es keine Gegner Nach der Partie läuft Fisnik Hasanaj über den Platz, klatscht ab, was es abzuklatschen gibt und ist, wie wieder er ist. Ruhig, fast schüchtern.

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Der Siegesschrei ist abgeklungen. Aus dem emotionsgeladenen Goalgetter ist wieder der kontrollierte Abwehrpatron geworden. «So war das schon immer», sagt er. Die Trainer mussten ihn stets animieren, mehr zu sprechen, mehr zu dirigieren. «Ich habe regelmässig zu hören bekommen, dass ich zu ruhig bin, dass ich mehr führen soll. Aber ich bin kein Chef, dazu bin ich nicht der Typ.» Wer sich mit Fisnik Hasanaj unterhält, spürt diese Ruhe, man sieht sie auf dem Platz. Wie er in Bedrängnis den Ball verteidigt, als stehe weit und breit kein Gegner. Ein Ruhepool im Spiel.

Das Auto blieb in der Garage
14 Jahre alt war Fisnik Hasanaj, als er von Triengen ins Kleinfeld wechselte. Aus dem Kosovo kamen die Eltern Jahre zuvor ins Luzerner Hinterland. Der Vater Geschichtslehrer, die Mutter Primarlehrerin. Der Fussball zuerst nicht mehr als ein zeitintensives Hobby. «Meine Ausbildung war für meine Eltern stets wichtiger als der Fussball.» Dennoch fuhren sie ihren Sohn Fisnik drei, viermal in der Woche von Triengen nach Kriens ins Training. «Einmal habe ich in der Schule Mist gebaut. Mein Vater hat das Auto sieben Tage lang in der Garage gelassen und ich verpasste eine ganze Trainingswoche.» Die elterlichen Disziplinarmassnahmen fruchteten und Fisnik Hasanaj durchlief sämtliche Ausbildungsstufen erfolgreich – auf und neben dem Fussballplatz.

Beim SC Kriens bin ich Fisnik. Im Kleinfeld kann ich sein wie ich bin.

Mit 18 ging er zum FCL, mit knapp 21 zurück zum SCK. Das war 2013. «Ich hatte den Profifussball im Kopf. Eine, vielleicht zwei gute Saisons in der Promotion League, dann nach oben.» Es kam anders. Kriens stieg, geschüttelt von finanziellen Schwierigkeiten, Ende Saison 2013/14 ab und Fisnik Hasanaj zog zu YF Juventus weiter. «Ich wollte so weit oben wie möglich spielen. Bei YF kickten drei Kollegen. Über sie kam der Wechsel zustande.»

Vermisste Nestwärme
Damals gehörte besagter YF Juventus zu den ernsthaften Aufstiegsanwärtern auf die Challenge League. Die Mannschaft war gut, teuer und mit einigen ehemaligen Profis bestückt. «Aber ich merkte schnell, dass es nicht passte für mich.» Die Nestwärme fehlte, das familiäre Rundherum. «Bei YF war ich ein Spieler. Beim SC Kriens bin ich Fisnik. Im Kleinfeld kann ich sein wie ich bin.» Als sich SCK-Innenverteidiger Manuel Fäh im Winter 2015 eine Auszeit in Australien gönnte, suchte der SC Kriens Ersatz und meldete sich bei seinem langjährigen Junior. «Ich zögerte nicht, auch wenn die Rückkehr nach Kriens rein sportlich gesehen ein Rückschritt bedeutete.

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Aber, Fisnik Hasanajs Entscheidung wurde durch den Wiederaufstieg mit dem SCK im folgenden Sommer belohnt. Heute klopft der SCK an die Tür zur zweithöchsten Liga, in Zürich bei YF rangiert man dagegen mittlerweile am anderen Ende der Tabelle.

Sandwich, Training, lernen
Trotz den Gedanken ans Profitum, Fisnik Hasanaj, der gelernte Produktionsmechaniker, hat neben dem Fussball stets gearbeitet. Natürlich beeinflusst vom Arbeitsethos des Elternhauses. Nach dem Wechsel zurück zum SC Kriens nahm er eine Weiterbildung zum Technischen Kaufmann in Angriff. «Der Traum vom professionellen Fussball rückte in den Hintergrund.» Ausbildung vor Fussball.

Mein Rucksack ist gefüllt. Ich habe, was ich beruflich haben wollte.

Aber es waren stressige zwei Jahre. Weiterbildung, Job, Fussball. «Ich frage mich heute manchmal, wie ich das geschafft habe. Ich war stets der Letzte im Training. Immer im Stress. Noch schnell ein Sandwich zum Abendessen, müde vom Training und der Arbeit und dann noch lernen.» Aber Fisnik Hasanaj biss sich durch. In diesem Sommer schloss er die Weiterbildung ab. «Mein Rucksack ist gefüllt. Ich habe, was ich beruflich haben wollte.»

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Wie auf dem Sonntagsspaziergang
Und nun, mit den Erfolgen und der entsprechenden Entwicklung des SC Kriens, ist der Profi-Traum auch bei Fisnik Hasanaj wieder fassbarer geworden. Aufstieg. Challenge League im Kleinfeld. Was ist wenn? «Es gibt Tage, an denen denke ich, es wäre super. An anderen denke ich, es ist gut so wie es ist. Aber ein kleiner Teil von mir hält noch immer an diesem Traum fest und manchmal frage ich mich, ob ich genug unternommen habe für die Erfüllung dieses Traums.» Konsequent auf die Karte Fussball setzen? Wie so viele andere, denen ihr Traum vom ewigen Fussballglück irgendwann mehr im Weg stand als weiterhalf.

«Eben, dann hätte ich meine berufliche Ausbildung wohl nicht gemacht, hätte eine wesentlich unsicherere Zukunft und wäre komplett vom Fussball abhängig.» Deshalb ist es gut so, wie es ist. Für den Moment zumindest. «Beim SC Kriens bin ich Teil eines geilen Teams, das in dieser Saison nochmals an Qualität dazu gewonnen hat und ich erlebe die Veränderung des gesamten Vereins zum Guten nicht nur hautnah, sondern kann auch meinen Teil dazu beitragen.»

Ob in der ländlichen Idylle von Tuggen oder der Kunstrasen-Einöde eines U21-Campus, Fisnik Hasanaj wird irgendwann wieder an der richtigen Stelle in der gegnerischen Hälfte stehen, die Entscheidung mit einem Tor herbeiführen, in Jubel ausbrechen und anschliessend mit der Gelassenheit eines Sonntagsspaziergängers vom Feld schlendern. So wie er es schon immer getan hat.