«Ich bin am richtigen Ort»

Bruno Berner hat während seiner Laufbahn als Spieler auf den grossen Bühnen des Fussballs gekickt – und hatte irgendwann genug davon. Der SCK-Trainer im ausführlichen Gespräch über seine Zeit als England-Profi, wichtige Familienentscheidungen und die bisherige Ausbeute mit dem SCK. (Bilder: Roger Keller)

Bruno Berner, erinnerst du dich an den 12. Mai 2010?
(überlegt) Hat es etwas mit Kriens zu tun?

Nein mir dir.
Mit mir?

Stichwort Aufstiegsspiel.
Ah, das Aufstiegsspiel in die Premier League mit Leicester gegen Cardiff. War das am 12. Mai?

Ja. 26’000 Zuschauer in Cardiff, das Hinspiel gewann Cardiff mit 1:0.
Und wir siegten mit Leicester im Rückspiel mit 3:2 nach Verlängerung. Aber leider zählte damals die Auswärtstorregel noch nicht, sonst wären wir durch gewesen.

Stattdessen…
Stattdessen kams zum Elfmeterschiessen. Ich habe den ersten Elfer versenkt. Dann trat Yann Kermorgant als vierter Schütze an und hat einen Chip versucht.

Mutig, in diesem Moment.
Wenn man Ronaldo oder Messi heisst, kann man das machen. Aber so wars ein wirklich schlechter Zeitpunkt um das zu versuchen. Der Torwart hielt, wobei viel musste er gar nicht machen. Es war ein Desaster für uns und ich begrub mit dieser Niederlage meine Hoffnungen, nochmals in der Premier League zu spielen.


Der Aufsteigsknaller 2010. Cardiff FC vs. Leicester City. Elfmeterschiessen ab 09.00 Min.

Sind solche Momente heute als SCK-Trainer noch präsent?
Wenn man darauf angesprochen wird, sind sie sofort wieder präsent (lacht). Die Atmosphäre im Stadion, die Zuschauer, die Emotionen. Das kommt sofort wieder hoch. Leider in diesem Fall auch die Enttäuschung und der Frust. Aber das gehört zu einer Karriere im Fussball dazu.

War es immer klar, dass bei dir auf die Spielerkarriere eine Trainerkarriere folgt?
Nein, das klare Ziel Trainer zu werden hatte ich damals noch nicht. Aber ich habe bereits 2007 in Blackburn mit der Trainerausbildung begonnen. Zusammen mit Stephan Henchoz und anderen Spielern des Teams. Es war aber mehr eine Alternative für die Zeit nach meiner Aktivlaufbahn, als eine feste Berufsabsicht.

Mein Karrierenende war alles andere als sanft

Dennoch hast du 2012 nach deinem Abgang in Leicester umgehend beim FCZ als Nachwuchstrainer angefangen. Ohne Fussballpause.
Zürich hat mich zwei, drei Monate vor meinem Karrierenende gefragt, ob ich im Sommer die U15 übernehmen möchte und ich habe ziemlich spontan zugesagt. Und es war rückblickend die richtige Entscheidung.

Weshalb?
Juniorenfussball ist Freude pur. Kein Müssen, keine taktischen Fesseln, keine aufgezwungene Disziplin. Einfach nur Freude am Fussball. Das hat mir persönlich nach der Zeit in Leicester sehr gut getan.

Ging die Freude am Fussball in England etwas verloren?
Das kann man so sagen ja. Damals im Frühling 2012 hatte ich tatsächlich genug vom professionellen Fussball. Meine letzten eineinhalb Jahre in Leicester waren mühsam, auch mein Karrierenende war alles andere als, sagen wir, sanft.

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Berner gegen Tevez. Leicester City gegen Manchester City im FA-Cup 2011. (Bild: Weltfussball.de)

Sondern?
Das Problem war, dass Leicester damals mit dem thailändischen Konzern «King Power» neue Besitzer bekam und für die zweite Englische Liga sehr viel Geld zur Verfügung hatte. Paolo Sousa wurde als Trainer für die Saison 2010/11 noch von der alten Führung geholt, musste dann aber nach wenigen Monaten gehen, weil die neuen Eigentümer ihren «eigenen» Trainer wollten. Sie verpflichteten Sven-Göran Eriksson und der ging in der Premiere League auf Shoppingtour. Kurz, die Situation wurde für mich als 33-Jähriger immer schwieriger. Zwar blieb Eriksson auch nur ein Jahr, sein Nachfolger Nigel Pearson legte mir in einem offenen Gespräch dann aber nahe, mich nach einem neuen Verein umzuschauen.

Was du aber nicht wirklich intensiv gemacht hast.
Meine Frau war zu diesem Zeitpunkt schwanger, wir hatten uns im Raum Zürich eine Wohnung gekauft und nach acht Jahren im Ausland, war es der richtige Moment um nach Hause zurückzukehren.

Im Schweizer Fussball vermisse ich die  Dynamik und die Härte

Und noch ein, zwei Jahre als Profi in der Schweiz dranhängen?
Das wäre eine Möglichkeit gewesen, fit genug war ich. Aber in der Schweiz kam kein überzeugendes Angebot und ich wollte meine Karriere nicht einfach irgendwo ausklingen lassen. Dafür war und bin ich zu ehrgeizig. In diesem Alter und besonders mit einer Familie wird die Zeit zudem kostbarer und ich plante lieber meine nächsten 30 Berufsjahre, als mich noch irgendwie an den letzten Zügen der vergangenen 20 Jahren als Profifussballer festzukrallen.

Wie stark orientierst du dich als Trainer heute am englischen Fussball?
Ich habe fünf Jahre in England als Spieler verbracht, dort in den drei höchsten Ligen gespielt und natürlich hat mich das Erlebte und der englische Fussball geprägt. Die unvergleichlichen Emotionen, die Intensität der Spiele und vor allem die Freude für den Fussball, davon zehre ich bis heute und das alles hat sicherlich einen grossen Einfluss auf meine Arbeit als Trainer.

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Wo liegen die grössten Unterschiede zwischen dem Schweizer und dem Englischen Fussball?
Was ich im Schweizer Fussball vermisse ist die  Dynamik und auch die Härte. Hier wird zu viel abgepfiffen. Darunter leidet der Spielfluss und schlussendlich auch der Unterhaltungswert des Fussballs. Selbst wenn ich in England ein Spiel in der dritten oder vierten Liga anschaue, dann gehe ich nach dem Spiel nach Hause und denke «Wow, was für ein Tempo». Manchmal auf Kosten der Taktik und der Technik ok. Aber es sind immer alle auf Angriff eingestellt, es geht hin und her. Das gefällt mir.

Ist es eine grosse Umstellung, von dieser englischen Fussballwelt ins kleine Kleinfeld?
Das Feld ist hier gleich gross und die Tore sind es auch. Ich habe mein Wissen aus der Laufbahn als Spieler, aber als Trainer begann ich 2012 bei null. Seit fünf Jahren sammle ich viele wichtige Erfahrungen und bewege mich nun in einem Verein der mit Geduld und Kompetenz Schritt für Schritt an seiner Zukunft arbeitet und der damit auf einem guten Weg ist. Von daher ist die Arbeit beim SC Kriens eine grosse Bereicherung für mich und ich bin momentan sicher am richtigen Ort.

Erschweren die provisorischen Bedingungen beim SCK dieses Arbeiten?
Im Gegenteil, man spürt den Elan im Verein, die der Neubau auslöst. Wir sind Tür an Tür mit den Junioren und bekommen ihre Fussballfreude mit und wir sehen jeden Tag, wie das neue Stadion wächst. Das gibt Energie und wir wollen unseren Teil zum grossen Ganzen beitragen.

Wir dürfen uns nicht überfordern

Stichwort Energie. Du bist Familienvater, SCK-Trainer und arbeitest noch in einem 80-Prozent Pensum bei einer Medienagentur. Wie geht das aneinander vorbei?
Meine Frau und ich haben im Sommer entschieden, dass ich meinen Job als Digitalplaner kündige, mehr zu Hause bei unseren zwei Kindern bin, aber so auch viel mehr Energie und Zeit für meine Arbeit als Trainer beim SCK habe. Sie dagegen in ihrem 80-Prozent-Pensum als Juristin weiterarbeitet.

Diese Planung scheint aufzugehen, wenn man die Leistungen des SC Kriens in der Vorrunde betrachtet.
Ganz unabhängig vom SCK geht die Rechnung für die Familie Berner auf. Das ist das Wichtigste. Wir haben alle wieder mehr Lebensqualität, es ist viel entspannter als zum Beispiel während meiner Zeit bei Tuggen, als ich neben dem Fussball noch gearbeitet habe. Und natürlich wirkt sich diese gute Stimmung in der Familie positiv auf meine Arbeit beim SC Kriens aus.

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Sportchef Bruno Galliker hat dem Team für die Vorrunde neun von zehn möglichen Punkten gegeben. Einverstanden?
Ich sehe es etwas kritischer, sagen wir sieben Punkte.

In welchen Bereichen gibts Optimierungsbedarf?
Die detaillierte Analyse steht noch aus. Auch von meiner Arbeit. In der Dynamik und auch spielerisch können wir aber sicher noch zulegen. Dazu haben wir 17 Tore bekommen, also ein Tor pro Spiel. Das ist zu viel. Hinzu kommt der mentale Aspekt, wir haben immer noch Phasen im Spiel, in denen wir zu zurückhaltend sind, zu wenig dynamisch agieren. Aber wir dürfen uns nicht überfordern.

Was meinst du mit «überfordern»?
Die Jungs geben bereits jetzt sehr viel für den Fussball. Vier Trainings pro Woche, die Spiele am Wochenende, dazu der Job, die Freundin und so weiter. Solche Faktoren müssen wir bei der Trainerarbeit beachten. Ich kann nicht zu viel auf einmal einfordern, sondern wir müssen punktuell an unseren Defiziten arbeiten und unsere Stärken optimal ausspielen. Woche für Woche, Schritt für Schritt.

Aus meiner Sicht ist es ein völlig offenes Aufstiegsrennen

Zunehmen wird der Konkurrenzkampf im Team. Mit Anthony Bürgisser und Marco Mangold stehen zwei Langzeitverletzte vor der Rückkehr ins Kader.
Wir haben in der Vorrunde 19 verschiedene Spieler eingesetzt und in 15 Spielen Wechsel in der Startaufstellung vorgenommen. Das heisst nur zwei Mal mit derselben Elf begonnen, wie in der Woche zuvor. Der Konkurrenzkampf ist also bereits vorhanden. Und den braucht es. Wir werden als Mannschaft nur besser, wenn jeder im Spiel und im Training gefordert ist und Gas geben muss. Je besser der Kader, desto grösser die Entwicklungsmöglichkeiten für jeden einzelnen Spieler.

Der SCK spielt am 12. Mai 2018, also genau acht Jahre nach dem anfänglich diskutierten Leicester-Cardiff-Spiel, zu Hause sein drittletztes Spiel gegen den Sion Nachwuchs. Kann dann schon die Entscheidung um den Aufstieg fallen?
Eins nach dem anderen. Wir gehen als Nummer eins in den Winter, das ist überhaupt nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass im Sommer zehn neue Spieler kamen, dazu mit mir ein neuer Trainer. Aber wir haben uns eine gute Basis für die verbleibenden 13 Spiele erarbeitet. Und dafür kann ich der Mannschaft, meinen Kolleginnen und Kollegen vom Staff und der Vereinsleitung nur ein grosses ein Lob aussprechen. Zudem gehört ein grosses Dankeschön auch Erich Föllmi, der mich mit seinen 40 Jahren Trainererfahrung immer wieder punktuell auf menschlich- und sportlich höchstem Niveau unterstützt. Nun wird es aus meiner Sicht ein völlig offenes Aufstiegsrennen zwischen vier, fünf Mannschaften. Und wir wollen jeden Samstag den drei Punkten nachjagen, dann sehen wir, wo wir nach 30 Spielen stehen.