Nico Siegrist auf Torsuche

Mit seiner ersten Saison im SCK-Dress ist Nico Siegrist nicht restlos zufrieden. Dennoch würde er nirgends lieber spielen als im Kleinfeld – auch wenn das Leben noch ganz andere Türen für ihn offen hält.

Text: Claude Bachmann (SCK-Magazin 2016)

Die Wohngemeinschaft liegt direkt am Bundesplatz. An einem entscheidenden Knotenpunkt der Stadt Luzern und einer vielbefahrenen Wegkreuzung, auf der sich Büroalltag, Freizeitgestaltung und Feierabendbier vereinen. Die WG ist auf den ersten Blick nicht von den vielen anderen in dieser Stadt zu unterscheiden: Jim Morrison-Plakat an der Wohnungstür, ein üppig behangener Wäscheständer, Sofa-Kombination mit Flachbildschirm im Wohnzimmer. Und doch ist sie speziell, diese Wohngemeinschaft am Bundesplatz. Mit Nico Siegrist und Marco Wiget bewohnen sie nämlich zwei aktuelle Spieler des SC Kriens. «Diese WG ist das Beste, was mir passierten konnte. Marco und ich ergänzen uns sehr gut, es passt einfach», sagt Nico Siegrist über das Zusammenleben der beiden langjährigen Freunde. Man muss keine Einsatz-in-vier-Wänden-Moderatorin vom RTL sein um zu merken, dass sich Nico Siegrist hier am Bundesplatz.

Nicht für die Tribüne
Vor ein paar Stunden hat Siegrist mit dem SC Kriens das letzte Saisonspiel auswärts bei YF Juventus absolviert. Seine erste Saison im SCK-Dress ist beendet. Und der Stürmer ist mit seinem Saisonabschluss nicht so richtig zufrieden. «Ich habe heute zu viele Chancen kläglich verhauen. Ein bisschen sinnbildlich für meine ganze Saison.» Acht Saisontore hat Nico Siegrist für den SCK in der abgelaufenen Spielzeit geschossen – keiner im Team traf öfters. «Es hätten aber auch 10 mehr sein können», sagt Siegrist selbstkritisch. Die Erwartungen an den ehemaligen Super-League-Pro waren hoch und deshalb seien auch die ersten Spiele für den SC Kriens nicht ganz einfach gewesen. Vielleicht noch etwas höher als die Erwartungen von aussen, sind die Erwartungen von Nico Siegrist an sich selber. «Grundsätzlich möchte ich in jedem Spiel guten Fussball spielen. Aber primär mache ich das für mich und nicht für Leute auf der Tribüne.»

Die Mechanismen des Fussballs
Vielen ist Nico Siegrist aus seiner Zeit beim FC Luzern bekannt. 52 Spiele hat er dort für die erste Mannschaft absolviert. 75 waren es für die U21. Nach zwei Leihgaben an den FC Aarau und die AC Bellinzona eröffnete ihm der FC Luzern im Sommer 2013, dass der Verein ohne ihn plane. «Natürlich war das im ersten Moment sehr hart. Immerhin habe ich 13 Jahre lang für diesen Verein gespielt und dadurch viele Leute kennengelernt und zahlreiche Freund- schaft geschlossen. Trotz allem war dieses Gespräch mit Sportchef Alex Frei das ehrlichste in meiner ganzen Fussballkarriere.» Nico Siegrist hegt keinen Groll, weder gegen den FC Luzern noch gegen das kompromisslose Fussballgeschäft. Zu viele Fassetten durfte er davon kennen- lernen. Zu wertvoll seien diese Erfahrungen. Zu sehr konnte er sich dank dem Fussball persönlich weiterentwickeln. «Schlussendlich gehören zum Fussball einfach gewisse Abläufe dazu. Punkt.» Vor diesen Abläufen hatte Nico Siegrist stets Respekt, war ihnen aber nie ausgeliefert. Eine reife Einstellung für einen jungen und ambitionierten Fussballspieler mag man denken, aber genau dies zeichnet Nico Siegrist aus. Selbstreflektiert ist er, einer der Tatsachen in die Augen sieht und Veränderungen als Chance wahrnimmt.

Nach dem Gespräch mit Alex Frei, stand er so vor einer wegweisenden Entscheidung: Entweder die Profi-Schuhe an den Nagel hängen oder nochmals angreifen und zum FC Biel in die Challenge League wechseln. Er entschied sich für Letzteres. Bereits während seiner Zeit beim FC Luzern merkte Nico Siegrist aber, dass ihm das Fussballspielen allein nicht genügte. Das Klischee des «einfältigen Fussballspielers» lässt Siegrist allerdings nicht gelten. «Fussball ist mehr, als nur einem Ball nachzuspringen. Man muss auch viele Opfer bringen.»

Trotzdem, Nico Siegrist hatte als Fussballprofi viel freie Zeit – nebst dem Training und den Spielen am Wochenende. Freie Zeit eröffnet Optionen und genau dies bewegte ihn zu einem Studium – er wollte neben dem Fussball noch andere Sachen kennenlernen. Von der Welt, über sich selber. Also schrieb er sich zum Geschichtsstudium ein. Das hatte neben Interessengründen auch praktische Vorteile. «Beim Geschichtsstudium konnte ich den Vorlesungsplan optimal an meine Trainingszeiten anpassen.» Aus Geschichte ist mittlerweile Sport geworden. Aus der Uni Luzern, die Uni Bern. Schon als Nico Siegrist beim FC Biel spielte, ging er seinem Wunschstudium «Sport» nach. Auch dank der Empfehlung seines WG-Mitbewohners Marco Wiget. Spätestens nächsten Sommer hat Nico Siegrist den Bachelor in der Tasche. Solange läuft auch sein Vertrag beim SC Kriens.

Das Bekenntnis zum SCK
Im kommenden Sommer also wird Nico Siegrist vor einer weiteren Wegkreuzung in seinem Leben stehen. «Mir stehen so viele Türen offen, ich werde so viele Möglichkeiten haben. Ich freue mich darauf.» Die Gelassenheit vor solchen Entscheidungen verdankt er zum grössten Teil seinen gemachten Erfahrungen. Der Wechsel vom FCL zum FC Biel zum Beispiel, wo er nochmals als Pro spielen konnte. Dann der Entscheid nach zwei Jahren in Biel, den Traum von der Fussballkarriere aufzugeben. Und der naheliegendste Entscheid aller Entscheide: Der Transfer zum SC Kriens. Nicht nur, dass Nico Siegrist die meisten SCK-Spieler bereits kannte, auch sein Mitbewohner Marco Wiget spielte beim Wechsel ins Kleinfeld eine grosse Rolle. «Für mich war daher klar, dass ich nach Kriens wechsle. Mit anderen Vereinen habe ich gar nicht erst gesprochen.» Er hebt die familiäre Atmosphäre und die vielen engagierten Menschen, die hinter diesem Verein stehen, hervor. «Beim SCK stimmt einfach alles. Von A bis Z.» Ein schöneres Bekenntnis zu einem Fussballklub gibt es wohl nicht.

Mit «seinem» SC Kriens beendet Nico Siegrist die Saison auf dem sehr guten 3. Rang – als Aufsteiger. «Die Mannschaft verfügt über einen hervorragenden Teamgeist. Nach Niederlagen rückt das Team zusammen. Auch nach drei oder viel Niederlagen in Folge.» Dass ausserhalb des Spielfeldes Freundschaften gepflegt werden, wirkt sich positiv auf die Leistung aus. Als Erfolgsfaktor hinzu kommt für Nico Siegrist die Dynamik, die die Mischung von jungen und älteren Spieler hervorbringt. «Indem es junge, motivierte und ehrgeizige Spieler in der Mannschaft hat, können sich die älteren Spieler nicht einfach auf ihren Erfahrungen ausruhen. Das bringt die ganze Mannschaft laufend einen Schritt nach vorne.»

Trotz seiner Erfahrung setzt Nico Siegrist lieber mit Einsatzfreude Akzente, als mit Worten. «Ich bin nicht der Typ, auf den zum Beispiel junge Spieler zugehen und explizit um Rat fragen.» Aber Nico Siegrist hat mit ihnen und dem SC Kriens ein grosses Ziel: «Es gäbe für mich wohl nicht Schöneres, als irgendwann mit dem SC Kriens in die Challenge-League aufzusteigen.» Im selben Atemzug sagt er aber, dass ein Aufstieg bereits im nächsten Jahr wohl zu früh käme. «Wie gesagt, der Aufstieg ist auch mein Ziel. Aber dafür muss ein Verein bereit sein. Personell, finanziell und auch in Sachen Infrastruktur.» Nico Siegrists Blick geht bereits wieder in die Zukunft – in seine und die des ganzen Vereins. Diese übergeordnete Denkweise zeichnet ihn aus, auf und neben dem Fussballplatz – im Kleinfeld und in der WG. Und sie gibt ihm die Gewissheit, dass an jedem Knotenpunkt wieder eine neue Möglichkeit wartet.