Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht

Rückblende: Vor 20 bis 25 Jahren bestand mein Fussballkonsum (ja, wir sind Konsumenten, nichts anders) aus einem Stadionbesuch jedes zweite Wochenende, der Sportschau am Samstag um 18 Uhr (für die Jüngeren unter uns: man musste tatsächlich um 18 Uhr vor dem TV sein, eine Replay-Funktion gab es nicht) und dem Sport am Wochenende am Sonntag mit Beni, dem Schnurri der Nation. Ergänzt wurde das Ganze durch das eine oder andere Länder- oder Europapokalspiel. Zusatzkosten für den Fussball-TV-Konsum: Null.

Die Entwicklung in den letzten Jahren war gewaltig. Während aktuell Notenbanken wie die Schweizer Nationalbank (SNB) oder die Europäische Zentralbank (EZB) verzweifelt nach Inflation lechzen, ist diese im Fussball längst angekommen. Ach was sage ich Inflation. Das Fussballangebot hat sogar eine hyperinflationäre Entwicklung hinter sich. Kein Tag ohne dass der Fussball rollt. Live und exklusiv – natürlich. Montagsspiele in England, Italien oder Deutschland, Dienstag und Mittwoch die Champions League, Donnerstag die Europa League, Freitag, Samstag und Sonntag der normale Ligabetrieb. Spielfrei gibts nicht.

Dann ist Pokal oder Nationalmannschaft. Die Daseinsberechtigung der Winterpausen wird ernsthaft in Frage gestellt. Rasenheizung heisst das Zauberwort. Die Sommerpause wird uns mehr oder weniger lukrativ verkürzt mit Testspielen der Top-Clubs in Asien (live und exklusiv – genau), dem Confederations-Cup in Russland und zur Sicherheit noch durch die Frauen EM in Holland. Demnächst auch mit einer aufgeblähten Weltmeisterschaft. Der Reizüberflutung zum Trotz.

Einen grossen Teil dieser Flut konnte man im öffentlich rechtlichen Fernsehen verfolgen. Den Rest via Pay-TV. Der Zuschauer hatte «nur» die Wahl zwischen der Einschränkung: Nur das Angebot der öffentlich rechtlichen Anstalten zu nutzen oder einen gewissen (meist) Pauschalbetrag für den ganzen Rest zusätzlich zu bezahlen. Fair – wie ich finde.

Seit diesem Sommer ist alles neu. Ausser den gewissen Angeboten im öffentlichen Fernsehen. Für den Schweizer Fussball braucht man Swisscom. Für den englischen Fussball partiell Swisscom oder den Internetanbieter DAZN, für den Deutschen Fussball SKY und Eurosport 2. Wer ein spanisches Classico sehen will, der kann das nur via DAZN. Wo italienischer oder französischer Fussball läuft – ich weiss es nicht. Und, es interessiert mich auch nicht.

Zudem: DAZN und Eurosport 2 läuft nur auf Tablet und Smartphone – ausser man ist ein Technik-Kenner. Es braucht diverse Boxen, Logins und Geräte. Es braucht wohl grössere Briefkästen für die Rechnungen der Anbieter. Sicherlich braucht es ein grösseres TV-Möbel um all die Geräte und Kabel zu verstauen.

Die Verantwortlichen dieser Entwicklung  (ich will vermeiden «der Fussball» zu schreiben, denn «den Fussball» mögen wir ja alle) haben jedoch die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Beziehungsweise ohne den «Konsumenten». Der Krug ist zwar noch nicht gebrochen, aber er hat bedenklich grosse Risse erhalten. Es reicht. Ich habe alle meine Sport-Abos gekündigt. Ich gehe ins Stadion zum Verein meines Vertrauens (tatsächlich live und vor allem extrem exklusiv), schaue Sportschau und Sport aktuell.

Für die Älteren unter uns: man kann es mittels einer Funktion namens «Replay» auch aufzeichnen – ähnlich wie bei den Tonbandgeräten früher mittels der roten Taste. Zurück in die Zukunft. Nur ohne Beni, den Schnurri der Nation – der ist in Pension.

Autor: Oliver Meier, SCK-Finanzchef von 2013 bis 2016.