Chrigel Kurt und der Pfad des Lebens

Hartmut Chrigel Kurth ist der Assistent der ersten Mannschaft. Ein zeitfressender Job, dem sich der bald sechzigjährige Assistenztrainer mit Haut und Haaren verschrieben hat.

Von Tina Colatrella-Müller (Auszug aus dem SCK-Magazin Dezember 2013)

Etwas verdutzt schaue ich in mein Notizheft. Ich sollte mich mit einem Chregu zum Interview treffen. Stattdessen meldet sich auf der angegebenen Geschäftsnummer bei der Swisscom ein Hartmut Kurth. Während er spricht, schwingt ein leichter deutscher Akzent mit. «Die Schweizer hatten Mühe zu verstehen, dass Hartmut mein Vorname und Kurth mein Nachname ist. Ich bediente mich deshalb meines Zweitnamens Christian und so wurde ich in der Fussballwelt zu Chrigel.»

Chrigel und ich vereinbaren uns zu einem Gespräch im Kleinfeld. Als ich dort eintreffe, lehnt er lässig am Spielfeldrand. Ein Routinier, der schon viele Mannschaften betreut oder trainiert hat. Er führt mich in die Katakomben des Stadions. Wir treffen auf seine Spieler, die sich zum Training bereit machen. Es wird gewitzelt und sich freundschaftlich auf die Schulter geklopft. Der achtundfünzigjährige Assistent scheint vom Team akzeptiert und gemocht zu werden. «Ich bin für die Jungs so etwas wie ein Papa», bestätigt er schmunzelnd meinen Eindruck.

Die Hotellerie brachte ihn zum Innerschweizer Fussball
Harmut Kurth hatte sich schon früh dem Fussball verschrieben. Als Bub stand er selber begeistert auf dem Rasen. Doch wegen seiner Lehre als Koch, musste er seine Fussballschuhe an den Nagel hängen. Als er dann wegen einer Anstellung auf dem Bürgenstock in die Innerschweiz kam, wurde er Mitglied des 3./4. Ligisten Hota (Angestellte der Hotellerie). Und der Fussball hatte ihn zurück.

Nun ist er seit zwölf Jahren als Assistent tätig, sieben davon an der Seite von Jean-Daniel «Dada» Gross. «Eigentlich wollte ich vor zwei Jahren aufhören. Als dann Dada bei Kriens unterschrieben und mich gefragt hatte, mit ihm nochmals eine Runde zu starten, liess ich mich nicht lange bitten. Ich fand die Aufgabe, eine Mannschaft bloss mit Spieler aus dem Projekt Innerschweiz aufzubauen, sehr reizvoll.»

Ich bin es meiner Familie schuldig
So steht Chrigel quasi jeden Abend am Rande des Kleinfeldes, um mit seiner Mannschaft die bestmöglichen Resultate zu erzielen. Ein zeitfressender Nebenjob, dem sich Chrigel mit Haut und Haaren verschrieben hat. «Ich bin es nicht nur mir, sondern auch meiner Familie schuldig», antwortet er mir auf die Frage, wieso er einen solchen Aufwand auf sich nimmt. «Ich arbeite von morgens sechs bis um halb drei nachmittags. Danach trainiere ich eine Runde im Fitnesscenter und um 19 Uhr bin ich zu Hause. Ich brauche dazwischen quasi eine Pufferzone, einen Ort wo ich runterfahren und Luft ablassen kann. Der perfekte Ausgleich zum Job.» Chrigel lebt alleine mit seinen beiden Söhnen in Luzern.

Die Arbeit mit Jugendlichen hilft ihm zudem zu verstehen, was in diesem Alter angesagt ist. «Ich bleibe dadurch jung. Das hilft mir, mich besser in der Erlebniswelt meiner Söhne zurechtzufinden.» Etwas auf der Strecke bleibt dagegen seine Partnerschaft. «Da meine Freundin in Deutschland lebt, und die meisten der Spiele am Wochenende stattfinden, kommt unsere Partnerschaft sicher zu kurz. Aber was soll sie machen», meint er lachend, einen achtundfünfzig Jährigen könne man einfach nicht mehr ändern.

Disziplin ist mein oberstes Gebot
Für seine Mannschaft hat Chrigel die Rolle des Teampapas inne. Er ermutigt und ermuntert sie, tröstet und baut sie nach schlechter Leistung wieder auf. «Mir gefällt diese Rolle sehr gut.» Chrigel kann aber auch anders. Trotz seiner umsorgenden Art müssen die Jungs ihm zeigen, dass sie es mit dem Fussball ernst meinen. «Disziplin ist mein oberstes Gebot», gesteht er. «Ich verlange im Training hundertprozentigen Einsatz. Ich hoffe, meinen Spielern dadurch etwas fürs Leben mitzugeben, denn ohne Disziplin und Anstand geht es weder im Beruf noch im Privatleben.» Der Co-Trainer ist zudem überzeugt, dass Fussball eine Lebensschule ist. «Die Spieler dürfen erfahren, wie sie durch Teamarbeit Erfolg haben können, aber eben nur, wenn alle am selben Strang ziehen. Ich hoffe, dass diese soziale Komponente auf ihr Leben einen positiven Einfluss hat.»

Nein, er habe keine Ambitionen mehr, was seine Karriere betreffe. «Würde mir aber heute eine gute Fee einen Wunsch erfüllen, dann möchte ich beim FC Düsseldorf in irgendeiner Funktion auf der Bank sitzen. Ich denke aber kaum, dass die deutschen Nachbarn eine Verwendung für einen alten Hasen wie mich haben», lacht der Fussballpapa. Mit diesen Worten entschwindet er in die Katakomben des Kleinfelds um seine Jungs auf den richtigen Pfad des Lebens zu bringen.